Wichtige Fakten
- So etwas wie eine weibliche Viagra, wie die meisten sie sich vorstellen, existiert nicht.
- Viagra ist ein Medikament, das den Blutfluss verbessert. Es wurde entwickelt, um eine mechanische Störung bei Männern (erektile Dysfunktion) zu beheben. Es weckt kein sexuelles Verlangen.
- Wenn Frauen Viagra einnehmen, kann dies die Durchblutung der Genitalien erhöhen. Studien zeigen jedoch, dass es kaum das Verlangen oder die Zufriedenheit steigert.
- Das sexuelle Verlangen bei Frauen ist äußerst komplex. Es hängt von Gehirnchemie, Hormonen und Emotionen ab – nicht nur von der Durchblutung.
- Es gibt von der FDA zugelassene Medikamente für geringe Libido bei Frauen (wie Addyi und Vyleesi). Diese wirken jedoch auf das Gehirn, nicht auf den Körper, und sind mit eigenen Überlegungen verbunden.
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Die Frage, die alle bewegt
Als Urologe bin ich auf die männliche Sexualgesundheit spezialisiert. Diese Frage kommt in meiner Praxis jedoch regelmäßig auf, oft von einem Mann, den ich wegen erektiler Dysfunktion behandle. Er beugt sich vor und fragt: „Herr Doktor, das Mittel hilft mir sehr. Gibt es auch ein Viagra für meine Frau?“ Dieser Gedanke kommt von einem ehrlichen Anliegen, die gemeinsame Beziehung zu verbessern.
Die Antwort lautet: Nein. Die oft imaginierte weibliche Viagra – eine Tablette, die unmittelbar Lust erzeugt und das Sexualleben umkrempelt – gibt es nicht. Die Einnahme der männlichen Variante führt ebenfalls nicht zu diesem Effekt. Nach heutigem medizinischen Verständnis liegen hier zwei grundsätzlich verschiedene Mechanismen zugrunde.
Ein Problem der Leitungen versus des Kraftwerks
Ein Vergleich aus der Praxis: Erektile Dysfunktion ist in vielen Fällen ein Problem der Leitungen. Das Verlangen ist prinzipiell vorhanden, aber der Blutfluss zum Penis ist gestört. Viagra wirkt hier gefäßerweiternd.
Das häufige Anliegen bei Frauen ist dagegen ein mangelndes sexuelles Verlangen, also eine niedrige Libido. Das ist kein Leitungsproblem. Es ist vielmehr ein Problem des Kraftwerks. Die körperliche Infrastruktur kann intakt sein, aber der zentrale Impuls im Gehirn bleibt aus. Ein Mittel, das die Durchblutung fördert, schaltet dieses Kraftwerk nicht ein. Es ist für diese Aufgabe nicht geeignet.
Untersuchungen bestätigen diesen Unterschied: Bei Frauen kann Viagra die Durchblutung im Genitalbereich steigern. Fehlt jedoch der ursprüngliche Wunsch nach Sex, führt diese rein körperliche Reaktion laut verfügbaren Daten selten zu einer Steigerung der Zufriedenheit oder des Verlangens.
Die Faktenlage: Was es tatsächlich für Frauen gibt
Gleichwohl existieren Behandlungsmöglichkeiten. Die zugelassenen Optionen setzen direkt an der Gehirnchemie an. Derzeit sind zwei Medikamente der US-Arzneimittelbehörde FDA für die behandlungsbedürftige Störung des sexuellen Verlangens (HSDD) bei prämenopausalen Frauen verfügbar.
| Medikament | Wirkweise | Zu beachten |
|---|---|---|
| Addyi (Flibanserin) | Täglich einzunehmende Tablette. Sie beeinflusst Botenstoffe im Gehirn, vergleichbar mit einigen Antidepressiva, und soll das Gleichgewicht im Verlangenszentrum verändern. | Kein Bedarfsmedikament. Tägliche Einnahme nötig. Kann starke Nebenwirkungen haben, besonders in Kombination mit Alkohol. Der klinisch messbare Effekt fällt oft gering aus. |
| Vyleesi (Bremelanotide) | Wird etwa 45 Minuten vor sexueller Aktivität per Injektion verabreicht. Greift ebenfalls in bestimmte Hirnsignalwege ein. | Eine Bedarfsoption, jedoch als Spritze. Übelkeit ist eine häufige Nebenwirkung. Die Wirksamkeit wird in Studien als moderat beschrieben. |
Beide Mittel sind keine einfachen Lösungen. Es handelt sich um verschreibungspflichtige Arzneimittel für eine spezifische Diagnose, nicht um Lifestyle-Präparate.
Meist geht es um mehr als nur eine Pille
Weibliches sexuelles Verlangen ist in der medizinischen Praxis an ein komplexes Geflecht gebunden: Hormonhaushalt, partnerschaftliche Dynamik, Stresslevel, Erschöpfung, Körperbild und weitere psychische wie physische Faktoren. Häufig liegt der Schlüssel nicht in einer Medikamentenschachtel.
Wirksam können stattdessen sein: eine angepasste Hormontherapie (besonders in den Wechseljahren), eine sexualtherapeutische Begleitung oder schlicht Veränderungen im Lebensstil, um Stress abzubauen und die Energie zu erhöhen. Die weibliche Sexualgesundheit ist facettenreich. Ein konstruktiver ärztlicher Dialog konzentriert sich daher auf das individuelle Wohlbefinden und eine ganzheitliche Betrachtung.