Wichtige Fakten

  • Eine vergrößerte Prostata (BPH) verursacht grundsätzlich keine Erektionsstörungen. Sie ist primär ein Problem des Harnflusses.
  • Oft sind die Medikamente zur Behandlung der BPH-Symptome der Auslöser für sexuelle Nebenwirkungen.
  • Einige BPH-Medikamente können Erektionen, Libido (sexuelles Verlangen) oder den Samenerguss beeinflussen.
  • Die Wahl besteht nicht zwangsläufig zwischen einer Besserung der Blasenfunktion und einem erfüllten Sexualleben. Die Behandlung lässt sich in der Regel anpassen.
  • Ein offenes Gespräch mit Ihrem Urologen ist entscheidend für das Management von BPH und Sexualgesundheit.

Ein Problem der Leitungen, nicht der Funktion

Dieses Thema kommt in meiner Sprechstunde täglich zur Sprache. Ein Patient sucht mich mit Beschwerden beim Wasserlassen auf – schwacher Strahl, nächtlicher Harndrang – und wir diagnostizieren eine gutartige Prostatavergrößerung, fachsprachlich benigne Prostatahyperplasie (BPH). Fast immer folgt sogleich die nächste Frage: „Herr Doktor, ist das der Grund für meine Probleme mit der Erektion?“

Hierzu eine klare Aussage: In den allermeisten Fällen lautet die Antwort nein. Stellen Sie sich die Harnröhre – den Ausführungsgang für Urin – als Gartenschlauch vor. Die Prostata umschließt diesen Schlauch. Wenn sie im Alter wächst, wirkt das, als würde jemand langsam darauf treten. Sie engt die Harnröhre ein und verursacht die lästigen urinaryen Symptome. Dies ist ein Problem der Leitungen. Die für eine Erektion verantwortlichen Nerven und Blutgefäße liegen in einer anderen „Nachbarschaft“. Die BPH selbst beeinträchtigt sie klinisch betrachtet in der Regel nicht.

Der eigentliche Auslöser: Wie BPH-Behandlungen die Sexualität beeinflussen

Wenn die BPH also nicht die direkte Ursache ist, woher rührt die Verunsicherung? Die hocheffektiven Medikamente, mit denen wir das Leitungsproblem behandeln, können gelegentlich Nebenwirkungen im Schlafzimmer verursachen. Es handelt sich um eine Abwägung, die wir gemeinsam vornehmen müssen. Zwei Hauptgruppen von BPH-Medikamenten wirken auf sehr unterschiedliche Weise.

MedikamentengruppeWirksamkeit bei BPHMögliche sexuelle Nebenwirkung
Alpha-Blocker
(z.B. Tamsulosin/Flomax)
Sie entspannen das Muskelgewebe in Prostata und Blasenhals, nehmen also gewissermaßen „den Fuß vom Schlauch“ und verbessern den Harnfluss.Durch die Entspannung der Blutgefäße kann es gelegentlich schwerer fallen, eine feste Erektion zu bekommen oder zu halten. Sie sind auch bekannt für Veränderungen der Ejakulation.
5-Alpha-Reduktase-Hemmer
(z.B. Finasterid/Proscar)
Sie wirken hormonell und verkleinern die Prostata, indem sie die Umwandlung von Testosteron in die wirksamere Form DHT blockieren.Da sie in den Hormonhaushalt eingreifen, können sie das sexuelle Verlangen (Libido) mindern und zu Erektionsstörungen beitragen.

Was bedeutet das für den Samenerguss?

Eine besonders häufige Nebenwirkung von Alpha-Blockern wie Tamsulosin ist die sogenannte retrograde Ejakulation. Umgangssprachlich wird sie auch als „trockener Orgasmus“ bezeichnet. Das Medikament entspannt den Blasenverschluss so stark, dass beim Samenerguss die Flüssigkeit rückwärts in die Blase gelangt anstatt nach außen. Dieser Vorgang ist nicht schädlich, kann jedoch verunsichern, wenn man nicht darauf vorbereitet ist. Das Empfinden des Orgasmus bleibt erhalten, jedoch mit wenig oder keinem sichtbaren Erguss.

Es gibt Alternativen: Die richtige Balance finden

Wenn ein Patient sexuelle Nebenwirkungen durch ein BPH-Medikament erfährt, ist meine erste Bitte: Sprechen Sie mich an. Setzen Sie Ihr Medikament nicht eigenständig ab. Es bestehen Möglichkeiten.

  1. Nutzen und Nebenwirkung abwägen: Ist die Linderung Ihrer urinaryen Beschwerden die Nebenwirkung wert? Für manche Männer ist es ein fairer Tausch, endlich wieder durchzuschlafen. Für andere nicht.
  2. Medikation anpassen oder wechseln: Gelegentlich können wir ein anderes Präparat derselben Gruppe oder eine andere Wirkstoffklasse testen, um die Verträglichkeit zu verbessern.
  3. Beide Probleme gleichzeitig behandeln: Ein interessanter Ansatz ist die Behandlung von BPH und ED mit einem einzigen Wirkstoff. Die tägliche, niedrig dosierte Einnahme von Tadalafil (Cialis) ist für beide Erkrankungen zugelassen. Es entspannt das Prostatagewebe und verbessert zugleich die Durchblutung für die Erektion.
  4. Die ED separat behandeln: Wenn Ihr BPH-Mittel die Blasensymptome zuverlässig lindert, können wir es beibehalten und bei Bedarf eine standardisierte ED-Therapie ergänzen.

Die Kernaussage lautet: Eine vergrößerte Prostata ist für viele Männer ein normaler Alterungsprozess. Sie muss jedoch nicht das Ende eines erfüllten Sexuallebens bedeuten. Entscheidend ist ein offenes Gespräch über Ihre Prioritäten, um einen Behandlungsplan zu finden, der alle Ihre Anliegen berücksichtigt – sowohl im Schlafzimmer als auch im Badezimmer.