Warum der Blutdruck nachts sinken sollte
Der Blutdruck bleibt im Laufe eines Tages nicht gleich. Tagsüber ist er meist höher, nachts fällt er normalerweise ab. Dieser nächtliche Rückgang liegt oft bei etwa zehn bis 20 Prozent. Für den Körper ist das wichtig: Blutgefäße, Herz und andere Organe werden während des Schlafs entlastet.
Bei manchen Menschen mit Bluthochdruck bleibt diese natürliche Absenkung jedoch aus. Fachleute sprechen dann von „Non-Dipping“. Der Blutdruck bleibt auch nachts zu hoch. Das kann langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und Schäden an Organen wie Nieren, Augen oder Herz erhöhen.
Ein möglicher Ansatz ist deshalb, Blutdruckmedikamente so einzunehmen, dass sie besonders in der Nacht gut wirken. Genau dazu liefert eine aktuelle Studie aus China neue Hinweise.
Studie prüfte Einnahme am Morgen und am Abend
An der Untersuchung der Sichuan University nahmen 720 Patientinnen und Patienten aus 15 Gesundheitszentren teil. Einige von ihnen hatten zuvor noch keine Blutdrucksenker verwendet. Andere hatten ihre Medikamente seit mehreren Wochen nicht mehr eingenommen.
Alle Teilnehmenden erhielten eine Kombitablette mit zwei häufig eingesetzten Wirkstoffen gegen Bluthochdruck: Olmesartan und Amlodipin. Eine Gruppe nahm das Medikament morgens ein, die andere abends.
Ziel war es zu prüfen, ob der Einnahmezeitpunkt einen Unterschied für den nächtlichen Blutdruck macht.
Warum diese Wirkstoffe nachts besonders relevant sein könnten
Die Kombination aus Olmesartan und Amlodipin ist aus medizinischer Sicht interessant, weil beide Wirkstoffe auf unterschiedliche Weise gegen Bluthochdruck wirken.
Olmesartan greift in das sogenannte Renin-Angiotensin-Aldosteron-System ein. Dieses System hilft dem Körper, Blutdruck und Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Ist es zu stark aktiv, kann der Blutdruck steigen. Wird Olmesartan abends eingenommen, könnte es daher gezielter helfen, einen zu hohen Blutdruck während der Nacht zu begrenzen.
Amlodipin wirkt anders. Es entspannt die Blutgefäße und hat eine lange Wirkdauer. Der höchste Wirkstoffspiegel im Blut wird erst mehrere Stunden nach der Einnahme erreicht. Bei abendlicher Einnahme kann die stärkste Wirkung daher in die Nacht oder in die frühen Morgenstunden fallen. Gerade zu dieser Zeit haben manche Menschen mit Bluthochdruck ungünstige Werte.
Abendliche Einnahme senkte den nächtlichen Blutdruck stärker
Nach zwölf Wochen zeigte sich ein messbarer Unterschied. Bei den Teilnehmenden, die ihre Kombitablette abends einnahmen, sank der systolische Blutdruck in der Nacht stärker als bei denen, die das Medikament morgens nahmen.
Der systolische Blutdruck ist der obere Wert bei der Blutdruckmessung. Er zeigt den Druck in den Gefäßen an, wenn das Herz Blut in den Körper pumpt.
Im Durchschnitt lag der nächtliche systolische Blutdruck in der Abendgruppe um etwa 3 mmHg niedriger als in der Morgengruppe. Auf den ersten Blick klingt das nach wenig. Für die öffentliche Gesundheit kann eine solche Senkung jedoch bedeutsam sein. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass bereits kleinere Blutdrucksenkungen mit einem geringeren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und andere schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse verbunden sein können.
Wichtig war außerdem: In dieser Studie fiel der Blutdruck nachts durch die abendliche Einnahme nicht gefährlich stark ab.
Andere Studien kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen
Die Frage nach dem besten Einnahmezeitpunkt ist nicht neu. Die bisherigen Studien liefern jedoch kein einheitliches Bild.
Eine große Untersuchung aus dem Jahr 2022 fand keinen klaren Vorteil der abendlichen Einnahme gegenüber der morgendlichen Einnahme. Eine frühere spanische Studie aus dem Jahr 2019 berichtete dagegen deutlich weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle bei Menschen, die ihre Blutdruckmedikamente abends nahmen. Diese Ergebnisse wurden später jedoch von mehreren Fachleuten kritisch bewertet, unter anderem wegen Fragen zur Datenqualität.
Die neue chinesische Studie stärkt die Annahme, dass der Einnahmezeitpunkt bei bestimmten Medikamenten und bestimmten Patientengruppen eine Rolle spielen kann. Sie beweist aber nicht, dass alle Menschen mit Bluthochdruck ihre Tabletten grundsätzlich abends einnehmen sollten.
Einnahmezeitpunkt nicht eigenständig ändern
Wer Blutdrucksenker nimmt, sollte den Einnahmezeitpunkt nicht ohne ärztliche Rücksprache verändern. Das gilt besonders für Menschen, die mehrere Medikamente einnehmen, älter sind oder zusätzliche Erkrankungen haben.
Ob eine Einnahme morgens oder abends sinnvoller ist, hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören die Art des Medikaments, die Wirkdauer, die Blutdruckwerte am Tag und in der Nacht, Begleiterkrankungen und mögliche Nebenwirkungen.
In manchen Fällen kann eine 24-Stunden-Blutdruckmessung helfen, den individuellen Tages- und Nachtrhythmus des Blutdrucks besser zu beurteilen.
Auch zu niedriger Blutdruck in der Nacht kann gefährlich sein
Nicht nur ein zu hoher Blutdruck in der Nacht ist problematisch. Auch ein zu starker Abfall kann Risiken mit sich bringen.
Bei manchen Menschen sinkt der Blutdruck nachts von allein ausreichend. Wenn sie ihre Blutdrucksenker zusätzlich kurz vor dem Schlafengehen einnehmen, könnten die Werte zu weit absinken. Fachleute sprechen dann von „Over-Dipping“.
Ein zu niedriger Blutdruck während der Nacht kann die Durchblutung wichtiger Organe beeinträchtigen. Betroffen sein können unter anderem Gehirn, Herz, Augen und Nieren.
Was Patientinnen und Patienten beachten sollten
Die Studie liefert einen wichtigen Hinweis: Für manche Menschen mit Bluthochdruck kann die abendliche Einnahme bestimmter Medikamente den nächtlichen Blutdruck besser kontrollieren. Das kann besonders dann relevant sein, wenn der Blutdruck nachts nicht ausreichend absinkt.
Trotzdem bleibt die Entscheidung individuell. Blutdruckmedikamente sollten regelmäßig, korrekt dosiert und nach ärztlicher Anweisung eingenommen werden. Wer den Eindruck hat, dass die aktuelle Behandlung nicht optimal wirkt, sollte dies mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen, statt den Einnahmeplan selbst zu ändern.