In der Kardiologie hält sich hartnäckig ein Bild, das vor allem auf männlichen Patientendaten basiert: Der klassische Herzinfarkt, verursacht durch verstopfte Herzkranzgefäße. Doch bei Frauen präsentiert sich die Pathologie oft anders. Immer häufiger stehen Mediziner vor dem Rätsel, dass Patientinnen typische Infarktsymptome zeigen, der Herzkatheter jedoch „freie Fahrt“ signalisiert. Diese Diskrepanz ist keine Entwarnung, sondern deutet auf eine subtile, aber ernstzunehmende Bedrohung hin: MINOCA und INOCA.

Wenn die großen Gefäße schweigen

Die Begriffe stehen für „Myocardial Infarction with Non-Obstructive Coronary Arteries“ (MINOCA) und „Ischemia with Non-Obstructive Coronary Arteries“ (INOCA). Vereinfacht gesagt: Das Herz leidet unter Sauerstoffmangel oder erleidet sogar einen Infarkt, obwohl die großen Zuleitungen nicht durch Plaques verschlossen sind. Für die betroffenen Frauen ist dies eine gefährliche Situation, da sie nach einer unauffälligen Angiografie oft ohne klare Diagnose oder Therapie entlassen werden.

Die Ursache liegt häufig eine Ebene tiefer, in den feinen Verästelungen des Gefäßbaums. Bei der sogenannten koronaren mikrovaskulären Dysfunktion sind die kleinsten Blutgefäße nicht in der Lage, sich bei Belastung adäquat zu weiten. Der Blutfluss stockt, das Herzgewebe gerät in Not – ein Zustand, der auf herkömmlichen Röntgenbildern unsichtbar bleibt. Moderne bildgebende Verfahren wie spezielle MRT-Sequenzen sind oft notwendig, um diese funktionellen Störungen sichtbar zu machen.

Hormone und Stress als Trigger

Die Biologie des weiblichen Herzens reagiert sensibler auf hormonelle Schwankungen und emotionalen Stress. Ein Phänomen, das eng mit dieser Thematik verwandt ist, ist die spontane Koronararteriendissektion (SCAD), ein Riss in der Gefäßwand, der vor allem jüngere, augenscheinlich gesunde Frauen trifft. Auch der sinkende Östrogenspiegel in der Menopause spielt eine Rolle, da er den natürlichen Gefäßschutz schwächt. Untersuchungen zeigen, dass Frauen in der Lebensmitte besonders aufmerksam auf Veränderungen ihres Körpers achten sollten.

Symptome richtig deuten

Ein weiteres Problem ist die Symptomatik. Der berühmte „Elefant auf der Brust“ fehlt bei mikrovaskulären Erkrankungen häufig. Stattdessen berichten Patientinnen von:

  • Anhaltender Erschöpfung und Leistungsknick
  • Kurzatmigkeit bei geringer Belastung
  • Übelkeit, Kiefer- oder Rückenschmerzen
  • Einem Gefühl von innerer Unruhe

Da diese Anzeichen unspezifisch sind, werden sie oft als Stress oder psychosomatisch fehldiagnostiziert. Es ist klinisch relevant, dass Frauen, die eine operative Entfernung der Eierstöcke hatten oder unter bestimmten hormonellen Bedingungen leiden, ihr individuelles Risiko kennen.

Handlungsbedarf in der Praxis

Für Patientinnen bedeutet dies: Bei anhaltenden Beschwerden sollte man sich nicht mit dem Befund „alles sauber“ zufrieden geben, wenn nur die großen Gefäße untersucht wurden. Eine gezielte Abklärung der Mikrozirkulation ist in spezialisierten Zentren möglich. Auch die medikamentöse Einstellung muss angepasst werden, da Standardtherapien bei mikrovaskulärer Dysfunktion oft nicht greifen. Die Sensibilisierung für diese Formen der Herzerkrankung ist ein entscheidender Schritt, um die diagnostische Lücke bei Frauen zu schließen.