Wenn dünne Luft den Stoffwechsel verändert
Wer dauerhaft in großer Höhe lebt, ist besonderen Bedingungen ausgesetzt. Ab etwa 2.000 Metern enthält die Atemluft deutlich weniger Sauerstoff. Der Körper reagiert darauf mit einer bekannten Anpassung: Er bildet mehr rote Blutkörperchen, damit weiterhin ausreichend Sauerstoff zu Organen und Geweben transportiert werden kann.
Forschende der Universität Wien haben nun Hinweise gefunden, dass diese roten Blutkörperchen möglicherweise noch eine weitere wichtige Aufgabe übernehmen. Sie könnten nicht nur Sauerstoff transportieren, sondern auch Glukose aus dem Blut aufnehmen und damit den Blutzuckerspiegel beeinflussen.
Rote Blutkörperchen als Glukose-Transporter
Bisher galten Erythrozyten vor allem als Sauerstoffträger. Die neuen Ergebnisse legen jedoch nahe, dass sie auch Zuckermoleküle aufnehmen können. Das könnte erklären, warum Menschen, die in höheren Bergregionen leben, seltener an Diabetes erkranken.
Untersucht wurde dieser Zusammenhang zunächst in Experimenten mit stark übergewichtigen Mäusen. Das Forschungsteam setzte die Tiere über längere Zeit einer sauerstoffärmeren Atemluft aus, ähnlich wie sie in höheren Lagen vorkommt.
Zu Beginn stiegen die Blutzuckerwerte der Tiere zunächst an. Die Forschenden erklären dies vermutlich mit einer Stressreaktion des Körpers auf den Sauerstoffmangel. Im weiteren Verlauf veränderte sich das Bild jedoch deutlich.
Blutzucker sank nach mehreren Wochen
Während der dreimonatigen Studiendauer fielen die Blutzuckerwerte der Mäuse schließlich deutlich unter das Ausgangsniveau. Gleichzeitig verbesserte sich ihre Insulinempfindlichkeit.
Insulin ist ein Hormon, das dabei hilft, Zucker aus dem Blut in die Körperzellen zu bringen. Bei Menschen mit Typ-2-Diabetes sprechen die Zellen oft schlechter auf Insulin an. Der Zucker bleibt dann vermehrt im Blut, wodurch die Blutzuckerwerte steigen.
Bemerkenswert war, dass der beobachtete Effekt nicht einfach durch Gewichtsverlust erklärt werden konnte. Auch eine Gewichtsabnahme kann die Insulinempfindlichkeit verbessern. In diesem Fall zeigte sich der günstige Stoffwechseleffekt jedoch unabhängig davon.
Mehr rote Blutkörperchen, niedrigere Zuckerwerte
Um zu prüfen, ob tatsächlich die erhöhte Zahl roter Blutkörperchen entscheidend war, führten die Forschenden weitere Experimente durch.
Nach einer Bluttransfusion, bei der zusätzliche rote Blutkörperchen übertragen wurden, sanken die Blutzuckerwerte ebenfalls. Ein ähnlicher Effekt zeigte sich nach einer Behandlung mit einem Wirkstoff, der den Erythropoetin-Spiegel erhöht.
Erythropoetin, kurz EPO, ist ein Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark anregt. Medizinisch wird es unter anderem bei bestimmten Formen von Blutarmut eingesetzt. Bekannt ist EPO aber auch als Dopingmittel, weil mehr rote Blutkörperchen die Sauerstoffversorgung der Muskulatur verbessern können.
Kein einfacher Therapie-Tipp
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass rote Blutkörperchen eine aktivere Rolle im Zuckerstoffwechsel spielen könnten als bisher angenommen. Sie transportieren offenbar nicht nur Sauerstoff, sondern können auch Glukose aufnehmen und dadurch möglicherweise zur Senkung des Blutzuckers beitragen.
Für Menschen mit Diabetes bedeutet das jedoch nicht, dass ein Aufenthalt in großer Höhe automatisch eine Behandlung ersetzt. Auch eine EPO-Behandlung wäre kein einfacher oder risikofreier Weg, den Blutzucker zu senken. Eine erhöhte Zahl roter Blutkörperchen kann das Blut zähflüssiger machen und gesundheitliche Risiken mit sich bringen.
Was die Forschung jetzt klären muss
Noch ist unklar, wie stark dieser Mechanismus beim Menschen wirkt und ob er sich medizinisch sicher nutzen lässt. Die Ergebnisse eröffnen jedoch einen neuen Blick auf den Stoffwechsel: Rote Blutkörperchen könnten nicht nur Boten für Sauerstoff sein, sondern auch eine direkte Rolle bei der Regulierung des Blutzuckers spielen.
Wer den natürlichen Effekt der Höhenanpassung dauerhaft nutzen wollte, müsste allerdings seinen Lebensmittelpunkt langfristig in höhere Lagen verlegen. Für die meisten Menschen bleibt das eher eine wissenschaftliche Erklärung als eine praktische Empfehlung.