Hühnchen gilt gemeinhin als gesunde, magere Proteinquelle. Eine italienische Beobachtungsstudie stellt diese Einschätzung nun teilweise in Frage. Sie fand eine statistische Verbindung zwischen einem Konsum von mehr als 300 Gramm Geflügel pro Woche und einem erhöhten Risiko für gastrointestinale Karzinome sowie einer höheren Gesamtsterblichkeit.
Assoziation, nicht Kausalität
Die in Nutrients veröffentlichte Studie war observativ. Sie kann somit lediglich Zusammenhänge aufzeigen, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung beweisen. Dieser Punkt ist in der medizinischen Praxis entscheidend. Unabhängige Experten wie der Hämatologe und Onkologe Dr. Wael Harb weisen darauf hin, dass die Gesamtheit der verfügbaren Daten einen mäßigen Geflügelkonsum weiterhin unterstützt.
Zubereitungsmethode als möglicher Schlüsselfaktor
Ein zentraler Kritikpunkt an der Studie ist das Fehlen von Daten zur Verarbeitung und Zubereitung. Ernährungswissenschaftlerin Kristin Kirkpatrick von der Cleveland Clinic betont, dass ein frittierter Chicken Nugget nicht mit einer gebackenen Hühnerbrust vergleichbar sei.
Dr. Harb ergänzt, dass das Garen bei sehr hohen Temperaturen – ob auf dem Grill oder in der Pfanne – zur Bildung potenziell krebserregender Substanzen wie heterocyclischer Amine führen kann. Dieses Risiko ist von rotem Fleisch bekannt und betrifft die Zubereitungsart, nicht das Lebensmittel an sich.
Weißes Fleisch im Kontext der Gesamternährung
Die Diskussion um die gesundheitlichen Auswirkungen von rotem versus weißem Fleisch ist komplex. Frühere Studien deuten darauf hin, dass beide Fleischsorten den Cholesterinspiegel ähnlich beeinflussen können. Die aktuelle Studie wirft Fragen auf, liefert aber nach Meinung der Experten keine ausreichenden Grundlagen für eine radikale Änderung der Ernährungsempfehlungen.
Kirkpatrick hält an der Empfehlung von etwa 300 Gramm Geflügel pro Woche fest, vorausgesetzt, es handelt sich um unverarbeitetes Fleisch, das schonend zubereitet wird. Sie rät zu einer ausgewogenen Ernährung mit Gemüse, Vollkornprodukten und pflanzlichen Proteinen.
Forderung nach präziserer Forschung
Beide Experten sehen die Studie als Ausgangspunkt für genauere Untersuchungen. Notwendig seien Studien, die den Verarbeitungsgrad, konkrete Zubereitungsmethoden und den gesamten Lebensstil der Probanden detailliert erfassen. Erst dies könnte klären, ob das beobachtete Risiko tatsächlich vom Geflügelfleisch selbst oder von Begleitumständen ausgeht.
Für Personen mit einem erhöhten familiären Krebsrisiko oder anderen Vorerkrankungen kann eine individuelle Ernährungsberatung sinnvoll sein. In der Regel rechtfertigen die vorliegenden Daten jedoch keinen generellen Verzicht, sondern unterstreichen das Prinzip der abwechslungsreichen, mäßigen Ernährung.