Die Gesundheit des Herzens wird zunehmend nicht nur am chronologischen Alter gemessen. Eine internationale Studie im European Heart Journal Open stellt ein Konzept vor, das das funktionelle Alter des Herzens mittels Magnetresonanztomographie (MRT) bestimmt. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Abweichungen bei Menschen mit chronischen Erkrankungen.
Funktionelles versus chronologisches Alter
Forscher entwickelten ein Modell, das anhand von MRT-Aufnahmen die funktionelle Alterung des Herzens schätzt. Grundlage bildeten Daten von 191 gesunden Personen. Verglichen wurden diese mit 366 Menschen, die an mindestens einer kardiovaskulären Begleiterkrankung litten. Gemessen wurden Parameter wie das Volumen des linken Vorhofs und die Auswurffraktion – also wie viel Blut das Herz pro Schlag pumpt.
Bei gesunden Personen stimmte das geschätzte funktionelle Herzalter in der Regel mit dem biologischen Alter überein. Bei Vorliegen von Erkrankungen zeigten sich zum Teil erhebliche Unterschiede.
Starkes Übergewicht als Haupttreiber
Die deutlichste Abweichung fand sich bei Personen mit schwerer Adipositas (BMI ≥ 40). Deren Herzen funktionierten im Schnitt wie die von Personen, die 45 Jahre älter waren. Auch Bluthochdruck und Vorhofflimmern beschleunigten das funktionelle Herzalter. Bei 40- bis 50-Jährigen mit Diabetes war die Diskrepanz im Vergleich zu gesunden Gleichaltrigen am größten.
Interessanterweise wiesen einige ältere Patienten über 70 mit Erkrankungen ein jüngeres Herzalter auf. Dies führen Experten auf einen Überlebenden-Effekt und erfolgreiche Therapien zurück, nicht auf einen Schutzeffekt der Krankheit.
Mögliche Anwendung in der Prävention
Kardiologen, die nicht an der Studie beteiligt waren, sehen im funktionellen Herzalter ein potenziell motivierendes Werkzeug für die Patientenkommunikation. Die Vorstellung, dass das eigene Herz „zehn Jahre älter“ arbeitet, könnte Betroffene zu Lebensstiländerungen bewegen oder frühere Therapieanpassungen anstoßen. Die benötigte MRT-Untersuchung ist nicht-invasiv und vergleichsweise schnell durchführbar.
Limitationen der Studie und offene Fragen
Die Studie hat nach aktuellem Kenntnisstand mehrere Einschränkungen. Es handelte sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie ohne Langzeitverfolgung. Die Stichprobengröße für die Validierung war begrenzt, und Einflussfaktoren wie Ernährung oder Bewegungslevel wurden nicht erfasst.
Klinisch relevant ist die noch offene Frage, ob sich das funktionelle Herzalter durch Lebensstiländerungen oder Medikamente verlangsamen oder sogar umkehren lässt. Dafür sind prospektive Langzeitstudien notwendig.
Trotz der Limitationen führt das Konzept einen neuen, für Patienten gut verständlichen Rahmen in die präventive Kardiologie ein. Es ergänzt die klassische Beurteilung anhand von Blutdruck- und Cholesterinwerten um eine dynamischere Perspektive auf die Herzgesundheit.