Schnelles Denken, spontane Reaktionen und das mentale Kartieren komplexer Routen könnten mehr bewirken, als nur ans Ziel zu gelangen. Sie könnten womöglich auch das Gehirn schützen. Einer neuen Studie im Fachjournal BMJ zufolge scheinen Taxi- und Krankenwagenfahrer ein geringeres Risiko zu haben, an der Alzheimer-Krankheit zu sterben, verglichen mit Menschen in anderen Berufen.

Das Navigationszentrum des Gehirns und Alzheimer

„Derselbe Hirnbereich, der für das Erstellen räumlicher Karten zuständig ist – also die Fähigkeit, sich in der Umgebung zurechtzufinden – ist auch einer der ersten, die von Alzheimer betroffen sind“, erläuterte der leitende Forscher Dr. Vishal Patel vom Brigham and Women’s Hospital in Boston.

Sein Team stellte die Hypothese auf, dass Berufe mit intensiver räumlicher und navigatorischer Denkleistung – wie das Führen von Taxis oder Krankenwagen – diese Hirnregionen stärken und so die Anfälligkeit für Alzheimer verringern könnten. Dieser Vorteil zeigte sich allerdings nicht in Berufen mit festgelegten Routen, wie etwa bei Busfahrern oder Piloten.

Die Studienergebnisse im Überblick

Die Forschenden analysierten Sterbedaten von fast neun Millionen Menschen aus 443 Berufen, die zwischen 2020 und 2022 verstarben. Insgesamt waren etwa vier Prozent dieser Todesfälle auf Alzheimer zurückzuführen.

Bei Fahrern, deren Job eine aktive, echtzeitbasierte Navigation erfordert, lagen die Raten jedoch deutlich niedriger:

  • Ein Prozent der verstorbenen Taxifahrer starb an Alzheimer.
  • 0,7 Prozent der verstorbenen Krankenwagenfahrer starben an der Erkrankung.

Zum Vergleich: Unter Busfahrern machte Alzheimer drei Prozent der Todesfälle aus, unter Piloten vier Prozent. Nach Bereinigung anderer Faktoren wiesen Taxi- und Krankenwagenfahrer den niedrigsten Anteil Alzheimer-bedingter Todesfälle aller untersuchten Berufe auf.

„Unsere Ergebnisse unterstreichen die Möglichkeit, dass neurologische Veränderungen, insbesondere im Hippocampus, für die geringeren Alzheimer-Raten bei diesen Berufsgruppen verantwortlich sein könnten“, sagte der leitende Wissenschaftler Dr. Anupam Jena vom Massachusetts General Hospital.

Die entscheidende Rolle des Hippocampus

Der Hippocampus, oft als Navigationszentrum des Gehirns bezeichnet, ist klinisch relevant für die Bildung von Erinnerungen, das räumliche Bewusstsein und die Verarbeitung von Emotionen. Er ist eine der ersten Regionen, die bei Alzheimer geschädigt wird, was zu Gedächtnisverlust und Desorientierung führt. Berufe, die den Hippocampus regelmäßig fordern, könnten dazu beitragen, diese Hirnregion aktiv und widerstandsfähig zu halten.

Ein Zusammenhang, keine Kausalität

Die Forschenden betonten, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Sie kann nicht beweisen, dass das Navigieren auf komplexen Routen direkt vor Alzheimer schützt.

„Diese Ergebnisse sind nicht abschließend, sondern dienen der Hypothesengenerierung“, so Dr. Jena. „Sie deuten an, dass der Einfluss beruflicher Anforderungen auf die kognitive Gesundheit genauer untersucht werden sollte.“

Ausblick und weitere Forschung

Nach aktuellem Kenntnisstand sind weitere Forschungen nötig, um den Zusammenhang zwischen gehirnstimulierenden Berufen und dem Alzheimer-Risiko zu verstehen. Falls sich die Hypothese bestätigt, könnten die Ergebnisse die Entwicklung kognitiver Trainingsprogramme unterstützen, die die mentalen Anforderungen der Navigation nachahmen.

Die Studie wirft eine interessante Frage auf: Könnte die mentale Herausforderung, sich täglich in einem beweglichen Labyrinth zurechtzufinden, helfen, den kognitiven Abbau hinauszuzögern?