Neue Bewertungsmethode für Herzrisiko

Eine neue Methode zur Bewertung des Risikos für Herzerkrankungen könnte nach einer aktuellen Studie dazu führen, dass weniger Menschen Statine verschrieben bekommen. Kardiologen betonen jedoch, dass weitere Daten nötig sind und Patienten ihre Medikamente nicht ohne ärztliche Rücksprache absetzen sollten.

Statine wie Lipitor, Crestor und Zocor werden in der Regel zur Senkung erhöhter LDL-Cholesterinwerte verschrieben. Diese gelten als ein wichtiger Faktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die aktuellen Verschreibungsleitlinien von 2013 berücksichtigen Alter, Diabetes, Blutdruck und andere Faktoren zur Risikoeinschätzung.

Studiendesign zum neuen PREVENT-Rechner

In der Studie unter Leitung von Dr. Tim Anderson von der University of Pittsburgh untersuchten Forscher die Auswirkungen des neuen Risikorechners PREVENT. Dieser wurde im vergangenen Jahr eingeführt. Die Analyse bezog Daten von 3.785 Erwachsenen zwischen 40 und 75 Jahren aus der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) ein. Dabei wurden die Schätzungen des neuen Rechners mit denen älterer Leitlinien verglichen.

Der PREVENT-Rechner zielt darauf ab, eine präzisere Risikobewertung zu bieten. Er bezieht neu identifizierte Risikofaktoren wie Nierenerkrankungen und Adipositas mit ein.

Ergebnisse: Geringeres geschätztes Risiko

Die Studie ergab, dass das mit PREVENT berechnete 10-Jahres-Risiko für Herzerkrankungen etwa halb so hoch war wie die Schätzung mit dem vorherigen Tool. Infolgedessen kämen nach den neuen Berechnungen rund 40 % weniger Personen für eine Statin-Verschreibung in Frage. Dies betrifft potenziell bis zu 4 Millionen US-Amerikaner, die derzeit Statine zur Primärprävention einnehmen, also zur Verhinderung eines ersten Herzinfarkts oder Schlaganfalls.

Unterschiede des neuen Rechentools

Das neue Tool unterscheidet sich in mehreren Punkten:

  • Es lässt Rasse als Faktor weg und verwendet stattdessen die Postleitzahl, um Hinweise auf den sozioökonomischen Status zu geben.
  • Es schließt zusätzliche Risikofaktoren wie Nierenerkrankungen, Adipositas und den HbA1c-Wert als Marker für die Blutzuckerkontrolle ein.
  • Es berechnet das Risiko separat für Männer und Frauen.

Anderson schlägt vor, dass diese Ergebnisse Patienten, die Statine zur Primärprävention einnehmen, dazu anregen könnten, mit ihren Ärzten über die Fortsetzung der Medikation zu sprechen. Dies gilt besonders im Hinblick auf mögliche Nebenwirkungen von Statinen wie Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Verdauungsprobleme.

Für Patienten im Grenzbereich sei es wichtig, mit dem Arzt zu sprechen, da Familiengeschichte und andere nicht berücksichtigte Faktoren die Einnahme dennoch rechtfertigen könnten.

Expertensitmehmen fordern Zurückhaltung

Kardiovaskuläre Experten äußerten Bedenken, dass die neue Studie einige Patienten zu einem voreiligen Absetzen ihrer Medikamente verleiten könnte. Sie betonten die Notwendigkeit neuer Leitlinien, die den neuen Risikorechner begleiten.

„Risikomodelle informieren über Empfehlungen, но letztendlich bestimmen die Leitlinien, wer Statine einnehmen sollte“, sagte Dr. Sadiya Khan, Vorsitzende des PREVENT-Entwicklungskomitees. Die kritische Frage, wann mit Statinen begonnen werden sollte, bleibe noch offen.

Dr. Robert Rosenson vom Mount Sinai Health System wies darauf hin, dass die Teilnehmerzahl der Studie klein und möglicherweise nicht repräsentativ für die breitere US-Bevölkerung sei. Vorsicht sei geboten.

Dr. Shaline Rao vom NYU Langone Hospital-Long Island äußerte die Sorge, dass Patienten, die Statine benötigen, die Studienergebnisse fehlinterpretieren könnten. Man sehe signifikante Vorteile von Statinen in diversen Populationen.

Nach aktuellem Kenntnisstand sind weitere Daten und die Entwicklung aktualisierter Leitlinien abzuwarten, bevor klinische Entscheidungen basierend auf dem neuen Rechner getroffen werden.